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Primärdatenforscher aus Leidenschaft

04.06.2018 14:00
Das ISAP wurde bereits 1952 unter den Namen „Institut für Sozialhygiene“, geleitet von Prof. Dr. med. Karl Gelbke, an der Medizinischen Fakultät gegründet. Grundlage dafür bildete der Befehl 234 von der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) vom 9.10.1947 über „Maßnahmen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und zur weiteren Verbesserung der materiellen Lage der Arbeiter und Angestellten in der Industrie und im Verkehrswesen“. Im wechselhaften Verlauf wurde es von verschiedenen Lehrstuhlinhabern und ihren Themen geprägt, die von der Organisation des Gesundheitsschutzes über sozialgerontologische Themen bis hin zur Psychoonkologie reichten. In seiner jetzigen Form, mit seinem jetzigen Namen und mit den aktuellen Schwerpunkten existiert das Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP) erst seit 2010 – zeitgleich wurde Prof. Steffi G. Riedel-Heller, MPH auf den Lehrstuhl berufen.

>> Bei Prof. Dr. Steffi Riedel-Heller muss man, anders als bei anderen Professorinnen und Professoren der deutschen Versorgungs-forschung, nicht fragen „Was hat Sie in die Stadt XYZ geführt?“. In Rodewisch im Vogtland, unweit von Zwickau geboren, machte sie zunächst eine Ausbildung zur Psychiatriepflegerin, gefolgt von einem Medizinstudium und ihrer Promotion an der Klinik für Psychia-
trie in Leipzig. Danach ging sie ins Ausland und machte an der Johns Hopkins Universität in Baltimore (USA) ihren Master für Public Health. Danach: Leipzig, Leipzig, Leipzig – für Steffi Riedel-Heller „eine großartige und dynamische Stadt“. Schon sehr früh, ab 1995, konnte sie an der Klinik für Psychiatrie an der Universität Leipzig als junge Ärztin bevölkerungsrepräsentative und allgemeinarzt-basierte längsschnittliche Alterskohorten selbständig aufbauen und damit verschiedenste Fragen zur Versorgungsepidemiologie bearbeiten. Diese Kohortenstudien begleiten sie wissenschaftlich und praktisch bis heute.
Auch zur Versorgungsforschung kam sie, anders als so viele andere ihrer Kollegen auf ähnlichen Lehrstühlen, nicht. Von Haus aus ist sie Psychiaterin. Und in der Psychiatrie hat die Versorgungsforschung – anders als in anderen Fachgebieten – auch in Deutschland eine vergleichsweise lange Tradition. Diese fing – grob gesagt – bereits mit der Psychiatrie-Enquete im Jahr 1975 an. Damals begann die Abwendung von der menschenunwürdigen und wohnortfernen Anstaltspsychiatrie hin zu einer modernen gemeindenahen Betreuung, die eine Reihe von Versorgungsstudien stimulierte, wobei Leipzig für die Deutsche Demokratische Republik (DDR), heute für die neuen Bundesländer, Vorreiter war. Dank ihrer Mentoren – wie den damaligen Ordinarius Prof. Dr. Matthias C. Angermeyer, den Fragestellungen an der Grenze zwischen Medizin und Gesellschaft umtrieben – kam sie nicht zur Versorgungsforschung, sondern war forschungsmäßig nie wirklich woanders.
Seit dieser Zeit schlägt ihr Herz für die Forschung. „Wie die meisten Forscher wünsche ich mir, dass etwas in der Versorgung und bei den Menschen ankommt“, sagt Riedel-Heller und weiß genau, dass das „nirgends besser als in der Versorgungsforschung gelingen“ kann. Denn, so Riedel-Heller weiter: „Versorgungsforschung sucht Antworten auf die Fragen von morgen: demographische Entwicklung, Urbanisierung, Digitalisierung, Individualisierung, um nur einige Megatrends zu nennen.“
Die Versorgungsforschung ist neben der grundlagenorientierten und krankheitsorientierten Forschung zu einer festen Größe geworden. Da der vom Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen bereits in seinem Gutachten von 2001/2002 (!) angemahnte Nachholbedarf auch heute immer noch nicht aufgeholt sei, engagiert sie sich in der Forschungsförderung als Gutachterin und ebenso als DFG-Kollegiatin – wo immer es ihr möglich ist, um die „feste Etablierung der Versorgungsforschung an den Universitäten zu unterstützen, die für die Entwicklung des Feldes unerlässlich ist“.
Aber Versorgungsforschung muss nach  Ansicht von Steffi Riedel-Heller noch etwas anderes sein: Daten generierend. „Wir sind Primärdatenforscher und konzentrieren uns ausschließlich darauf“, sagt sie dazu ziemlich kategorisch. An der Stelle will sie nicht falsch verstanden werden, denn auch Versorgungsforschung mit Sekundärdaten könne vieles erhellen und sei eine wichtige Säule der Versorgungsforschung, aber eben nur eine von vielen. Riedel-Heller: „Für viele Fragestellungen sind eigens angelegte Studien und prospektive Designs unerlässlich. In der Verknüpfung von Primär- und Sekundärdaten sehe ich viel und oft bisher noch ungenutztes Potenzial.“
Schon sehr früh in ihrer Karriere wurde ihr zudem klar, dass mit der demografischen Entwicklung Demenzerkrankungen die zentrale Herausforderung für alternde Gesellschaften sind – das Thema treibt sie bis heute an und um. „Meinen Arbeiten zur Versorgung Demenzkranker in der Häuslichkeit oder im Heim folgen gegenwärtig Projekte, die sich mit dem Erhalt kognitiver Leistung befassen“, gibt sie einen Einblick in ihre Tagesarbeit.
Ganz aktuell wurde im Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health, auf dessen Lehrstuhl Riedel-Heller 2010 berufen worden war, eine große randomisierte multizentrische Studie auf den Weg gebracht. Bei dieser Studie unter der Abkürzung „AgeWell“ (AgeWell.de) geht es vordringlich darum, durch präventive Interventionen die kognitive Leistungsfähigkeit von Senioren zu erhalten. Präventive Versorgungsforschung und die Etablierung einer „Brain Health Agenda“ sind dabei für Steffi Riedel-Heller ein „lohnendes aktuelles Ziel“, denn „Prävention, Kuration und Rehabilitation sollten im Versorgungssystem und Gesundheitssystem der Zukunft gleichberechtigte Säulen darstellen“.
Aktuell ist das ISAP, in dem über 30 Mitarbeiter – die meisten von ihnen drittmittelfinanziert – in 3 Arbeitsgruppen arbeiten, bekannt durch bevölkerungsbezogene Gesundheitsforschung bei alten und hochaltrigen Menschen mit einem Fokus auf die psychische Gesundheit. Dabei arbeiten Wissenschaftler mit verschiedenen beruflichen Hintergründen zusammen wie Psychologen, Soziologen, Pädagogen, Ernährungs- und Gesundheitswissenschaftler.
Besser sollte man wohl überall dazu schreiben: ... innen. Das ISAP ist im Großen und Ganzen „ein Frauenladen“ wie Steffi Riedel-Heller selbst sagt, natürlich nicht ausschließlich, aber doch in großer Mehrheit.
Warum aber so viele weibliche Forscherinnen? Ihre Antwort: „Frauen schätzen Struktur, langfristige Planung, Organisiertheit und Teamarbeit.“ Und wenn es einen „Kampf-dem-Chaos-Preis“ gäbe, das ISAP würde ihn ihrer Meinung nach sicher bekommen!
Und ganz getreu der Devise, „nur ein publiziertes Ergebnis ist ein Ergebnis“, legt das Team um Riedel-Heller viel Wert auf die vorzugsweise internationale Publikation von Studienergebnissen. Alleine im ersten Halbjahr 2018 konnten 50 Medline-gelistete Arbeiten publiziert werden. Riedel-Heller: „Wir gehen davon aus, dass es zum Ende des Jahres fast 100 sein werden.“
Inhaltlich gibt es derzeit im ISAP vier Hauptaktionsfelder:
(1) Epidemiologie und Versorgungsepidemiologie bei alten und hochaltrigen Menschen. Der Erfolg in diesem Bereich gründet sich hauptsächlich auf den langjährig geführten bevölkerungsrepräsentativen und allgemeinarzt-basierten Alterskohorten mit dem Schwerpunkt  psychische Gesundheit (Leila75+, AgeCoDe/AgeQualiDe, AgeMooDe, LIFE).
(2) Ein weiterer Bereich ist die Instrumentenentwicklung, denn die Versor-gungsforschung brauche entsprechende Instrumentarien. Beispiele hierfür sind die deutsche Version des Camberwell Assessment of Need for the Elderly (CANE) oder der WHOQOL-OLD, ein Instrument zur Erfassung der Lebensqualität im Alter.
(3) Einen weiteren wichtigen Arbeitsbereich stellen Interventionsstudien, insbeson-dere randomisierte und kontrollierte Stu-
dien (RCT), dar, aber oft auch pragmatische Trials, bei denen es um die Verankerung der Intervention in bestimmten Settings geht. Beispiele sind unter anderem die Untersuchung des online-basierten kostenfreien Selbstmanagementprogramms „moodgym“ bei Depression und einer online-basierten Intervention zur Verbesserung des Adipositasmanagements (INTERACT) oder die Interventionsstudie AgeWell.de. Alle diese Interventionen sind im allgemeinärztlichen Setting verortet.
(4) Die Forschungssynthese und Leitlinien-entwicklung ist ein weiterer Bereich des ISAP. Dazu zählen die Erstellung von sys-tematischen Reviews und von Metanalysen zu aktuellen Themen. Zudem wurde die S3-Leitlinie „Psychosoziale Interventionen bei schweren psychischen Erkrankungen“ und die zugehörige Patienten- und Angehörigenversion federführend am ISAP erstellt und wird im Moment aktualisiert.

Als einer der größten Erfolge des ISAP nennt Steffi Riedel-Heller – auch wenn es viele Einzelerfolge von vielen Mitarbeitern sind, die sich addieren und den wirklichen Erfolg des Instituts ausmachen – die erfolgreiche Einwerbung der BMBF-Nachwuchsforschergruppe durch Riedel-Hellers Mitarbeiterin Janine Stein. Auch konnte 2016 mit versorgungsforschungsinteressierten Kollegen vor Ort das Universitäre Zentrum für Versorgungsforschung der Universität Leipzig (UZVF) gegründet werden, was dazu beiträgt, Versorgungsforschungsinteressierte noch stärker als bisher zusammenbringen. <<

Ausgabe 05 / 2018

Editorial

RoskiHerausgeber
Prof. Dr.
Reinhold
Roski

 

 

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