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„Ich wünsche mir ausdrücklich die nötige Evidenz“

04.06.2018 14:00
Als Senatorin und Präses der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz der Freien und Hansestadt Hamburg, als Stellvertretendes Mitglied des Bundesrates für die Freie und Hansestadt Hamburg, als Mitglied des Gesundheitsausschusses und der Bund-Länder-Arbeitsgruppe setzt Cornelia Prüfer-Storcks auf die Ergebnisse der Versorgungsforschung. Sie sagt als erfahrene Gesundheitspolitikerin im Titelinterview mit „Monitor Versorgungsforschung“: „Ich bin froh, dass wir uns in vielen Bereichen auf die Ergebnisse von Versorgungsforschung – gerade zu den Defiziten unseres Systems – stützen können.“ In vielen heißt, nicht in allen. Darum hat sie zum diesjährigen Deutschen Kongress für Versorgungsforschung, dessen Schirmherrin sie war, gleich einen umfangreichen Wunschzettel mitgebracht.

http://doi.org/10.24945/MVF.06.18.1866-0533.2102

>> Sehr geehrte Frau Senatorin, Ihr Bundesland kann man durchaus als einen der Gewinner des Innovationsfonds sehen. Laut einer Auswertung der Berliner Wissensberatungsfirma Ordinary People kommen aktuell nicht weniger als 38 Antragsteller für Innovationsfonds-Projekte aus Hamburg, zudem gibt es – Doppelnennungen sind hier möglich – 75 Projekte, an denen Konsortialpartner aus Hamburg – allen voran die TK – beteiligt sind.
Das ist einerseits der positive Abdruck der hervorragenden Versorgungsforschungslandschaft, die sich vor allem in der letzten Dekade in Hamburg entwickelt hat. Auf der anderen Seite zeigt es die Bereitschaft von Leistungserbringern und Kostenträgern in Hamburg, gemeinsam neue Wege zu gehen. Darauf können wir schon ein wenig stolz sein.

Sie haben auch den diesjährigen 16. Deutschen Kongress für Versorgungsforschung unterstützt, dessen Präsident ebenfalls aus der Hansestadt stammt.
Als mich Professor Härter vom UKE weit im Vorfeld des Kongresses gefragt hat, ob das Bundesland Hamburg den diesjährigen DKVF fördern will, habe ich sofort zugestimmt. Das ist sicher sowohl ein Stück weit dem Lokalpatriotismus geschuldet, aber insbesondere Ausdruck meiner Wertschätzung für die Versorgungsforschung als solche. Deshalb habe ich als Gesundheitspolitikerin auch gerne die Gelegenheit wahrgenommen, in der Eröffnungsveranstaltung einen kleinen Wunschzettel bei den hier versammelten Versorgungsforschern abzugeben.

Fühlen Sie sich denn ein Stück weit von der Versorgungsforschung alleine gelassen?
In Hamburg nicht, aber auf der Bundesebene ist man doch manchmal erstaunt, dass es zu sehr relevanten Fragestellungen keine deutschen Studien gibt. In Hamburg haben wir nicht nur eine sehr vielfältige und breite Landschaft der gesundheitlichen Versorgungsforschung, sondern auch eine sehr intensive Zusammenarbeit zwischen Versorgungsforschung, den Kostenträgern, den Leistungserbringern und selbstredend ebenso der Politik, was natürlich auch der besonderen Situation unseres Stadtstaats geschuldet ist. Das gibt uns die Chance, viele Fragestellungen, die die Politik umtreibt, mit der Versorgungsforschung zu besprechen und von ihr erforschen zu lassen. Genau dafür wurde bereits 2011 das Hamburg Center for Health Economics (HCHE), ein gemeinsames Zentrum der Universität Hamburg und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, gegründet. In diesem, immerhin größten deutschen gesundheitsökonomischen Forschungszentrum, zu dem acht Lehrstühle und Institute gehören, arbeiten und forschen über 70 Forscherinnen und Forscher. Kein Wunder, dass da neben Forschungsvorhaben des Bundesministeriums für Bildung und Forschung auch viele des Innovationsfonds zu finden sind. Und dann gibt es ja auch noch das Hamburger Netzwerk für Versorgungsforschung, kurz HAM-NET, das 2017 im Zuge der BMBF-Förderung „Strukturaufbau in der Versorgungsforschung“ entstanden ist. Auch hier wird einiges erforscht, an dem Gesundheitspolitiker wie ich ganz besonders interessiert sind.

Was zum Beispiel?
Am HCHE sind wesentliche Vorarbeiten für das Thema Personaluntergrenzen für die Pflege im Krankenhaus geleistet worden. Zudem berät Professor Schreyögg, der Leiter des HCHE, die Bundesregierung in Gesundheitsfragen im Sachverständigenrat. Ebenso ist er in der Wissenschaftlichen Kommission für ein modernes Vergütungssystem (KOMV) tätig, die auf Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ernannt und im Juni dieses Jahres vom Bundeskabinett bestätigt wurde.

Und dennoch haben Sie zum DKVF eine eigene Wunschliste mitgebracht.
Die Gelegenheit, sich hier an die gesamte Landschaft der Versorgungsforschung in Deutschland zu wenden, konnte ich mir nicht entgehen lassen.

Mit welchen Anliegen insbesondere?
Wir wissen alle ganz genau, dass die kommenden großen Herausforderungen im Gesundheitswesen im Wesentlichen durch die alternde Gesellschaft und durch die damit verbundene Zunahme chronischer Erkrankungen und der Multimorbidität gekennzeichnet sind. Doch obwohl wir das seit Jahren wissen, habe ich ganz persönlich Zweifel, ob wir auf die Herausforderungen der Zukunft mit unserer jetzigen Struktur im Gesundheitswesen wirklich angemessen reagieren können. Meine Wunschliste knüpft deshalb an das an, was wir im Moment als aktuelle politische Diskussion im Gesundheitswesen haben. Wir haben zur Zeit die Chance, einmal nicht Spargesetze formulieren zu müssen, sondern grundlegende Reformen mit ebenso grundlegenden Weichenstellungen auf den Weg zu bringen, die exakt an den Stellen ansetzen können und sollten, an denen wir im Gesundheitswesen seit vielen Jahren die größten Probleme haben. Wenn ich „grundsätzliche Entscheidungen“ sage, bedeutet das, dass man auch den Mut haben muss, an der einen oder anderen Stelle eine Entscheidung aus der Vergangenheit wieder rückgängig zu machen.

An welchen?
Wir haben in den letzten 15 Jahren immer wieder versucht, unser Gesundheitswesen vor allem durch verstärkten Wettbewerb zu flexibilisieren, anpassungsfähiger und auch patientenorientierter zu gestalten. Dazu müssen vor allen Dingen die Sektorengrenzen überwunden werden, weil die strikte Trennung der Sektoren in Deutschland so ziemlich allen Anforderungen an eine zukunftsfeste Behandlung gerade chronisch kranker Menschen und damit auch einer patientenorientierten Versorgung widerspricht. Wir müssen jedoch ehrlich sein und die Bilanz ziehen, dass die Überwindung der Sektorengrenzen mit Selektivverträgen bisher kaum gelungen ist – jedenfalls nicht über gewisse Modellversuche hinaus. Wir müssen aber auch sehen, dass wir mit dem Wettbewerb, den die Politik beispielsweise durch die Einführung von Fallpauschalen im Krankenhausbereich selbst in Gang gesetzt hat, auch eine Bewegung befördert hat, die zu einer extrem angespannten Personalsituation in der Pflege führt. Das haben wir – und hier kann ich durchaus für alle mir bekannten Gesundheitspolitiker sprechen – bestimmt so nicht gewollt.

Was ist denn nun zu tun?
Es gibt die erklärte Absicht der Bundesregierung, aber auch der Länder, endlich den Umbau unseres Gesundheitswesens in ein sektorenübergreifendes Versorgungssystem anzuschieben. Dafür müssen grundsätzliche Veränderungen in vielen Bereichen eingeleitet werden, zum Beispiel bei der Bedarfsplanung, bei der Honorierung, der Qualitätssicherung, der Codierung, der Sicherstellung der Dokumentation des Datenaustausches und vielem anderen mehr. Leitsatz muss dabei sein, dass alle Bereiche eine gleiche Sprache sprechen, womit ich nicht nur den ambulanten und den stationären Bereich meine, sondern auch die Pflege. Genau dafür wurde eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe eingesetzt, die vor einigen Wochen ihre Arbeit aufgenommen hat. Auch hier bin ich als Mitglied dieser Arbeitsgruppe sehr froh, dass wir uns in vielen Bereichen auf die Ergebnisse von Versorgungsforschung – gerade zu den Defiziten unseres Systems – stützen können.

Wie sieht es denn mit der schon in der letzten Legislaturperiode in Gang gesetzten stärkeren Qualitätsorientierung im Gesundheitswesen aus?
Das ist ein Langzeitprojekt, das auch in dieser Legislaturperiode und weit darüber hinaus auf die Agenda gesetzt werden muss. Kritisch muss man dazu anmerken, dass die Selbstverwaltung den politischen Willen nur sehr schleppend umsetzt, was dazu anregen könnte, das Verhältnis zwischen Staat und Selbstverwaltung einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Aber das will ich hier und jetzt nicht vertiefen, weil das ein ganz eigenes, obendrein sehr komplexes Thema ist. Aber auch hier ist die Politik – wie übrigens auch die Selbstverwaltung – dringend auf Ergebnisse der Versorgungsforschung angewiesen.

Wo denn noch, um auf ihre Wunschliste zurückzukommen?
Ich würde mir persönlich mehr deutsche Studien zum Einfluss von Behandlungsqualität auf Lebenserwartung und Lebensqualität wünschen. Evidente Hinweise, wo wir mit bestimmten Verfahren, zum Beispiel Zweitmeinungsverfahren, die maximale positive Wirkung erzielen können, ließen uns besser Prioritäten setzen. Ein anderes Thema, das mir gerade auch in der Gesundheitsmetropole Hamburg auf den Nägeln brennt, ist eine aktuelle, zur angestrebten Enthospitalisierung in der Psychiatrie nahezu gegenläufige Entwicklung. Wir müssen feststellen, dass es zunehmend mehr Krankenhausfälle gibt, die eigentlich nicht auf die klassischen Diagnosen zurückzuführen sind, die eine Krankenhausbehandlung erfordern, sondern immer häufiger Depressionen Auslöser sind. Dazu würde ich mir mehr Ergebnisse der Versorgungsforschung wünschen. Dabei sollte auch die Frage verfolgt werden, welche Prävalenz psychische Erkrankungen in Deutschland wirklich haben. Und wie es zu schaffen ist, dass der Patient genau dort behandelt wird, wo es für den betroffenen Menschen am besten ist, dies unabhängig von angebots- oder vergütungsindizierten Anreizen.

Da ist jede Menge seitens der Versorgungsforschung zu tun.
Dabei bin ich noch lange nicht am Ende.

Und zwar?
Ein weiterer sehr zentraler Punkt ist, dass wir das Metathema Wettbewerb auf den Prüfstand stellen müssen. Wettbewerb kann sicher an bestimmten Stellen und in bestimmten Ausformungen sehr hilfreich für eine bessere Versorgung sein, an anderen jedoch eben nicht, wenn ich beispielsweise an die schon angesprochene Fehlentwicklung der Pflege im Krankenhaus denke. Nun wurde bereits seitens der Politik dafür gesorgt, dass die Bezahlung der Krankenhauspflege aus den Fallpauschalen ausgegliedert wird und in Zukunft wieder nach dem Selbstkostendeckungsprinzip erfolgt, was nichts anderes bedeutet, als dass jede besetzte Stelle auch bezahlt werden muss, was zudem durch Pflege-Personaluntergrenzen in den Krankenhausabteilungen determiniert wird. Hier muss ich an die Adresse der Versorgungsforschung ein wenig kritisch anmerken, dass ich als Mitglied der Expertenkommission, die diese Personaluntergrenzen für das Krankenhaus auf den Weg gebracht hat, deutsche Studien über den Zusammenhang zwischen Personalausstattung in der Pflege im Krankenhaus und Behandlungsergebnissen gewünscht hätte, weil eben nicht jede internationale Studie so einfach auf das deutsche Gesundheitswesen anzuwenden ist.

Weiter mit dem Wunschkonzert.
Was ist zum Beispiel mit der Frage des Zusammenhangs zwischen Versicherungsstatus und der Versorgungsqualität? Oder zwischen Vergütungssystemen von ärztlichen Leistungen und dem Leistungsgeschehen? An der Stelle wünsche ich mir mehr wissenschaftliche Unterstützung, was besonders der wissenschaftlichen Kommission, die ein modernes, einheitliches Vergütungssystem entwickeln soll, nützen würde. Wer ein System entwickeln soll, das Fehlanreize vermeidet, muss die Schwachstellen in unserem System – zu dem insbesondere die mangelnde Koordination von Gesundheitsleistungen gehört – nicht nur kennen, sondern wissenschaftlich fundiert hinterlegt haben.

Ein weites Feld für die Versorgungsforschung.
Wir brauchen dringend gut ausgebildete Versorgungsforscherinnen und Versorgungsforscher, die sich mit relevanten Fragen beschäftigen und die anstehenden und dringend nötigen Weichenstellungen begleiten, damit wir als Politiker nicht im Spielfeld des Zufälligen bleiben.

Was ein altbekannter Vorwurf ist.
Ja, das kenne ich nur zu gut, aber die Politik geht doch nicht gerne in den Blindflug. Ich wünsche mir ganz ausdrücklich die nötige Evidenz. Sehen Sie es mir jedoch nach, dass ich als Gesundheitspolitikerin den Fokus auf Versorgung lege, weniger auf Wissenschaft: Was für Gesundheitspolitiker relevant ist, ist vielleicht nicht automatisch ein Schub für die wissenschaftliche Karriere.

Wobei sicher auch einige dieser Wünsche an den Innovationsfonds adressiert sind.
Auch mit diesem Instrument hat die Politik versucht, Versorgungsforschung ein Stück weit voranzubringen. Und zwar in beiden Teilen des Innovationsfonds, weil ja auch die innovativen Versorgungsformen, die möglichst in die Regelversorgung überführt werden sollen, durch Versorgungsforschung begleitet werden müssen. Ich möchte an dieser Stelle die Arbeit der Versorgungsforschung in Deutschland würdigen, besonders da diese Wissenschaft es in den letzten zehn Jahren in einer ziemlichen Aufholjagd geschafft hat, auf ein international anerkanntes Level zu kommen. Es gibt inzwischen regionale, nationale, aber auch internationale Strukturen, in welche die deutsche Versorgungsforschung sehr gut eingebettet ist.

Ihr Petitum?
Ich möchte die Versorgungsforscher ermutigen, der Politik und auch den anderen, manchmal etwas trägen Institutionen des Gesundheitswesens nicht nur immer wieder alle Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen, sondern ihre Kritik und Lösungsansätze gewissermaßen aufzudrängen. Und wenn Versorgungsforscher Hilfestellung brauchen, zum Beispiel im Bereich der Nutzung von Daten, dann bin ich gerne bereit, mehr Möglichkeiten zu schaffen, zum Beispiel die vorhandenen Routine-Daten zu nutzen, weil dieser Schatz noch viel zu wenig für Versorgungsforschung gehoben wird. Und ich bin ebenso bereit, die Ergebnisse der Versorgungsforschung bei meiner Arbeit zu berücksichtigen, wenn es sein muss auch um frühere Entscheidungen zu revidieren, wenn bessere evidentere Ergebnisse vorliegen.

Ein tolles Angebot zur aktiven Kommunikationsaufnahme.
Politik und Versorgungsforschung müssen mehr in Kontakt kommen. Eigentlich brauchen Versorgungsforscher die Fähigkeit, zu antizipieren, womit sich die Politik in drei, vier oder noch mehr Jahren befassen wird. Dafür muss man dauerhaft im Gespräch bleiben. Es wäre ein großer Gewinn, wenn sich die gute Versorgungsforschungsstruktur, die wir jetzt haben, um Lösungen bemühen würde, die von der Politik, der Selbstverwaltung, aber auch von den Patienten am dringendsten benötigt werden.

Frau Senatorin Prüfer-Storcks, vielen Dank. <<

Das Interview führte MVF-Chefredakteur Peter Stegmaier.

 

Zitationshinweis: Storcks, C., Stegmaier, P.: „Ich wünsche mir ausdrücklich die nötige Evidenz“, in „Monitor Versorgungsforschung“ (06/18), S. 6-8; doi: 10.24945/MVF.06.18.1866-0533.2102

Ausgabe 06 / 2018

Editorial

RoskiHerausgeber
Prof. Dr.
Reinhold
Roski

 

 

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